BODENSTÄNDIGKEIT TRIFFT PIONIERGEIST

Diese Stadt wird oft unterschätzt. Dabei ist Marktoberdorf ein echter Mutmacher, wenn es um das Ostallgäuer Erfolgsgeheimnis aus Tradition, Weitblick und Zusammenhalt geht. 

Die Szenerie lässt sich lebhaft ausmalen: Wie das monotone, ohrenbetäubende „Tuck-Tuck-Tuck“ durch die Gassen hallte, als ein Landwirt in den 1930er Jahren mit seinem niegelnagelneuen Dieselross durchs Dorf fuhr. Wahrscheinlich thronte er stolz wie ein König auf dem Sitz seiner Errungenschaft und Jung und Alt bestaunten mit offenen Mündern den ersten Kleinschlepper Europas mit Mähwerk und Anbaupflug. Das Dieselross ersetzte zwei bis drei Kaltblüter, übernahm deren schwere Arbeit und machte zudem die Motorisierung auch für Kleinbauern erschwinglich. Das Modell hat die Erfolgsgeschichte eines Unternehmens eingeleitet, dessen fünf Buchstaben auf dem 60 Meter hohen Turm in Marktoberdorf prangen und heute weltweit bekannt sind: FENDT. Auf dem Betriebsgelände stand früher der Hof der Familie, heute produziert das Unternehmen vom E-Traktor bis zur Ballenpresse Premium-Landtechnik und gilt in der Branche als technologischer Vorreiter. 

Zündende Idee: Das erste Dieselross von Fendt veränderte die Landwirtschaft und ebnete den Weg zur Weltmarke.
Freundlicher Gruß in die Zukunft: Der humaniode Roboter „Karl“ zeigt anschaulich den Wandel von stationären Maschinen zu interaktiven Helfern in der Produktion.

Vorwärtsstreben und Weitsicht gehören zur DNA der Stadt

Arbeit effizienter und leichter zu machen, ist auch das Ziel des Instituts für angewandte Künstliche Intelligenz und Robotik. Die neueste Errungenschaft heißt hier „Karl“. Auf der 250 Quadratmeter großen Laborfläche werden Anwendungen mit dem ersten humanoiden Roboter der Stadt erprobt. „Karl agiert flexibel und interagiert mit Menschen. Unsere Forschung schafft die Grundlage für die Automatisierung der Produktion von morgen“, erklärt Professor Tobias Weiser, der wissenschaftliche Leiter des IKR. Seine Mitarbeiter übersetzen die Ergebnisse aus der Forschung in die Praxis und arbeiten an maßgeschneiderten Robotik- und KI-Lösungen für Firmen aus der Region.  

Während die Stadt im Takt von morgen pulsiert, widerstehen im Ortsteil Fechsen die Geschwister Andrea Brugger und Dominik Rapp jedem Modernisierungsdrang. Der „Zanker“ gilt als Kultkneipe. Zehn Jahre war das Wirtshaus ihres Großonkels geschlossen, bis es die beiden an zwei Tagen pro Woche wieder öffneten, um die Tradition weiterzuführen. „Viele kommen auch alleine her, um sich mit anderen zu treffen und zu ‘schwätzen’“. Kein stylisches Interieur, keine Reservierung per App – hier sitzen die Gäste in der rustikalen Stube und genießen frisch gezapftes Bier und Brotzeiten, die schmecken wie damals – dank Omas überlieferten Rezepten für selbstgebackenes Brot, Senf und Wurstsalat.  

Die Zeit steht still: Andrea Brugger und Dominik Rapp vom „Zanker“ finden es gut, auch mal nichts zu verändern.
Wahrzeichen Schlossberg: Marktoberdorf ist mit 758 Metern die höchstgelegene Kreisstadt Deutschlands.
620 Winterlinden säumen die zwei Kilometer lange Allee vom Fürstbischöflichen Schloss bis zum Waldberg.

Das Beste aus zwei Welten

„Stadt – Markt – (Ober-)Dorf: Unsere Stadt vereint urbane Dynamik und Dorfleben, historisches Erbe und zukunftsorientierte Ausrichtung“, erklärt der erste Bürgermeister Michael Eichinger. Seine Aufgabe sieht er darin, die gewachsenen Strukturen zu stärken: „Wir haben innovative Arbeitgeber, eine lebendige Vereinskultur sowie zahlreiche Kultur-, Sport- und Freizeitangebote. Diese Vielfalt sollte auch das Ergebnis einer vorausschauenden Planung sein, denn sie macht die Stadt lebendig und lebenswert.“

620 Winterlinden säumen die zwei Kilometer lange Allee vom Fürstbischöflichen Schloss bis zum Waldberg.
Michael Eichinger, Erster Bürgermeister Marktoberdorf

Zukunft braucht Herkunft. Der Pioniergeist der Menschen macht uns stark.

Michael Eichinger, Erster Bürgermeister Marktoberdorf

Die Keimzelle von Heimatliebe und Pioniergeist liegt vielleicht hier, auf einem Höhenzug der Stadt. Hier dachte ein Adeliger im 18. Jahrhundert ebenfalls vorausschauend: Kurfürst Clemens Wenzeslaus liebte es, sich in seiner Sänfte auf einem Feldweg vom Schloss zu den schönsten Aussichtspunkten auf die Allgäuer Alpen tragen zu lassen. Um den Ausflug bald im Schatten zu genießen, ließ er die prächtige Kurfürstenallee anlegen. Historische Dokumente belegen, dass sie auch als Geschenk an nachfolgende Generationen gedacht war. Doch mit dem französischen Ideal barocker Perfektion konnten die Marktoberdorfer damals offenbar nichts anfangen.
200 Meter lang verläuft der Prachtweg schnurgerade, dann geht er in wellige Kurven über. Was ist denn hier passiert? Für Wenzeslaus‘ Idee ebneten Bauern das Gelände zunächst ein, dann streikten sie. Sie verteidigten das Allgäu als Naturschönheit: Gerade die sanften Hügel würden den Reiz der Landschaft ausmachen. Damit ist die Allee heute das Sinnbild der Marktoberdorfer, sich nicht zu verbiegen, groß zu denken und gleichzeitig auch bei Wellengang die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

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