DAS UNGEWISSE WAGEN

Wie viel Mut braucht es, um alles hinter sich zu lassen und in einem fremden Land neu anzufangen? Dies ist eine Geschichte über Sehnsucht, Hoffnung und einen Mann aus Pakistan, der im Ostallgäu sein Glück fand.

Die Luft ist kühl, es riecht erdig und nach erstem Schnee. Der markante Kegel des Säulings und die Pfrontener Berge sind weiß gepudert, doch im Tal haben die Wiesen noch ihr grünes Gewand an. Holzrauch steigt aus dem Kamin der Hündeleskopfhütte. Aus dem offenen Fenster finden Klänge und Düfte ihren Weg nach draußen: ein Messer klackert rhythmisch, Butter zischt in der Pfanne, es duftet nach überbackenem Käse und Kaffee.

Ein bisschen Puste – mehr braucht es nicht für den Aufstieg zur Hütte. Sie liegt auf 1.180 Metern Höhe am Hang des Edelbergs und ist über eine leichte Wanderung von Pfronten-Kappel aus in 45 Minuten zu erreichen. Doch Ali Hassan musste alles hinter sich lassen, um hier oben ein komplett neues Leben anzufangen – Heimat, Familie, Freunde. Er riskierte alles, einzig getragen von der bloßen Hoffnung auf eine entfernte Zukunft.

Schöne Begegnungen: Gerne plaudert Ali Hassan mit den Hüttengästen.
Gemeinsam angekommen: Ali Hassan und seine Frau Ayesha arbeiten heute zusammen auf der Hütte.


Die Sehnsucht nach Freiheit

In Pakistan politisch verfolgt, riet ihm sein Vater aus Sorge zur Flucht, damals war er 16 Jahre alt. Eine Reise ins Unbekannte und voller Gefahren. Hunderte Kilometer zu Fuß über Berge und durch Steppen – immer mit der Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Tage ohne Essen, mit verschmutztem Wasser im spärlichen Gepäck – und Erinnerungen, die er lieber vergessen würde. „Seit dieser Zeit weiß ich, dass ich in meinem Leben alles schaffen kann, wenn ich es will“, erzählt Ali Hassan und seine Augen schimmern feucht, als er von seinen Erlebnissen erzählt.

Wenn die Fremde zur Heimat wird

Mit 30 anderen Geflüchteten kam er nach Aufenthalten in der Türkei und in Griechenland 2015 nach Nesselwang. „Wir wussten nicht, was uns erwartet und dachten zunächst, wir sind irgendwo im Dschungel gelandet. Doch die Einheimischen haben uns sehr dabei geholfen, Stück für Stück anzukommen.“ Eine Gruppe Ehrenamtlicher unterstützte sie bei Alltäglichem, Anträgen und mit Sprachunterricht. Schnell war für Ali Hassan klar, dass er hierbleiben wollte. Doch weil in Pakistan kein Krieg tobte, sollte er wieder ausgewiesen werden. „Ich wollte keine finanzielle Hilfe. Ich wollte arbeiten und in Freiheit leben.“ Er kämpfte um ein Bleiberecht und durfte schließlich eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe machen – bei Silvia Beyer, der Pächterin der Hündeleskopfhütte. Sie und ihre Familie unterstützten den Pakistaner im Ostallgäu Fuß zu fassen und sie wurden zu wichtigen Wegbegleitern und Freunden. 

Die Hündeleskopfhütte oberhalb von Pfronten-Kappel ist die erste rein vegetarische Berghütte in den Alpen.
Ein Wort, das Welten verändern kann: Willkommen – in einem anderen Land.

Nun kocht und serviert Hassan seit über zehn Jahren Allgäuer Gerichte wie Kässpätzle oder Kaiserschmarrn – und kann sich auch vorstellen, irgendwann selbst eine Hütte zu bewirtschaften. In der letzten Woche eines Monats steht zusätzlich eine pakistanische Spezialität auf der Karte, was viele Fans aus dem Tal zur Hütte bringt. „Anfangs wollte ich nicht glauben, dass die Leute freiwillig zum Essen hochlaufen. Das war für mich ganz neu, weil das in Pakistan nicht üblich ist.“ Auch nach so langer Zeit ist jeder Tag für ihn etwas Besonderes, vor allem, seit er sein Leben mit Frau Ayesha und Töchterchen Yashma teilen kann. Sie kam übrigens an dem Tag auf die Welt, als Hassan seinen Einbürgerungsbescheid bekam.

Warten auf eine gemeinsame Zukunft

Auch Ayesha Hassan stammt aus Pakistan. Drei Jahre mussten die beiden warten, bis sie nach Deutschland ziehen konnte – eine Zerreißprobe für die Beziehung. „Darauf zu vertrauen, dass das Warten irgendwann ein Ende hat, hat mich viel Kraft gekostet“, erzählt sie. „Ich bin wirklich so glücklich hier. Ich mag die Menschen und die schöne Natur.“ Auf der Hütte packt die gelernte Lehrerin überall mit an. Besonders liebt sie den Winter, denn bevor sie ins Allgäu kam, kannte sie Schnee nur aus Erzählungen. „Als das erste Mal Flocken vom Himmel kamen, bin ich vor die Tür gelaufen und habe sie einfach gegessen“, erzählt sie und lacht. Der Schnee hätte sie an eine Süßigkeit aus der Kindheit erinnert, bei der gefrorenes Wasser mit buntem Sirup übergossen wird. „Wenn es schneit, geht Ali jetzt immer vor die Hütte, um Schnee für mich zu sammeln und zu süßen.“ Ein kleiner Augenblick, bei dem Liebe sprichwörtlich durch den Magen geht – und eine bewegende Geschichte mit echtem Happy End.