DER NÄCHSTE TON

Im Dachgeschoss des alten Feuerwehrhauses mitten in der historischen Altstadt von Füssen entstehen Geigen von Meisterhand. Vater Pierre Chaubert hat seine Liebe zum Handwerk einem seiner Söhne weitervererbt. Warum es dafür Mut braucht, zeigt dieser Werkstattbesuch.

Hier hängt der Himmel voller Geigen. Romantisch ist das nicht, zumindest nicht für die Geigenbauer Pierre und Eric Chaubert. Diese Exemplare sind zur Restauration auf Besuch und fordern gleich zu Anfang den meisten Mut in ihrer Arbeit ein. Wirklich? Nicht der Bau einer Geige, bei der es um zwanzigstel Millimeter Präzision geht? Oder die Lackierung, die 200 Stunden Arbeit komplett zunichtemachen kann, wenn etwas schiefgeht? „Die Kunden vertrauen uns ihre wertvollen Schätze an. Gerade beim Öffnen eines Instruments kann sehr viel kaputt gehen. Wir gehen deshalb mit reichlich Respekt heran, denn es soll die Werkstatt besser verlassen, als es gekommen ist“, erklärt das Vater-Sohn-Gespann.

Der gesamte Prozess des Geigenbaus ist durchzogen von risikoreichen Entscheidungen.

Vom Holz zum Klang

Die Restauration macht nur einen Teil ihrer Arbeit aus, meist sind die beiden mit dem Bau eigener Instrumente beschäftigt. Diese fertigen sie nach den Wünschen ihrer Kunden an – vom Geigenschüler bis zur Profimusikerin. „Sie im Gespräch herauszufiltern, sei fast wie ein Gespräch beim Arzt“, meint Pierre Chaubert und lacht. Verständlich, denn die neue Geige begleitet einen Musiker im besten Fall ein ganzes Leben. „Wir wollen Instrumente bauen, die über Generationen weitervererbt werden und wünschen uns, dass der Name Chaubert noch in 100 Jahren für etwas steht.“ 

Zwei Generationen, eine Leidenschaft: Vater Pierre Chaubert und sein Sohn Eric präsentieren stolz ihr besonderes (Kunst-)Handwerk.

Als Vorlage für jede Geige dient ein Modell, das Pierre Chaubert von Grund auf erarbeitet und über Jahrzehnte verfeinert hat – von der Stilistik der Bauweise bis zur Form der Schnecke trägt es seine Handschrift. „Das ist die klangliche wie handwerkliche Qualität, die wir garantieren. Dennoch können wir den gewünschten Charakter über kleine Parameter beim Bau beeinflussen“, erklärt Eric Chaubert. Jedes noch so winzige Detail kann den Klang verändern: Welches Holz ausgewählt wird, wie dick die Instrumentendecke ist oder wie der Stimmstock im Korpus positioniert wird. Beeinflusst wird er auch vom Lack, dessen Zusammensetzung jeder Geigenbauer wie ein Geheimrezept hütet. Die beiden Geigenbauer bewegen sich bei ihrer Arbeit oft an der Grenze dessen, was handwerklich möglich ist. „Zwanzigstel Millimeter können einen klanglichen Unterschied ausmachen. Wir müssen sehr konzentriert arbeiten, damit wir nicht zu viel Material an einer Stelle wegnehmen.“  

Jedes Instrument wird für einen Menschen geschaffen.

Die eigene Handschrift  

Dass Eric Chaubert einmal wie sein Vater Geigenbauer wird, war übrigens für ihn selbst überraschend. Eigentlich wollte er nach dem Abitur Tiermedizin oder Forstwirtschaft studieren, doch ein Praktikum in der Werkstatt seines Vaters veränderte alles. Vor Kurzem hat er seine Meisterprüfung abgelegt und seine Entscheidung keinen Tag bereut. „Heute diesen Beruf zu ergreifen, finde ich deutlich kühner, weil die Konkurrenz viel größer ist als bei mir damals“, meint Pierre Chaubert. Direkt nach seiner Meisterprüfung ließ sich der Geigenbauer in Füssen nieder, der Stadt, die als Wiege des europäischen Lauten- und Geigenbaus gilt. Damals war er so alt wie sein Sohn jetzt und der Erste, der diese Tradition wiederbelebte. „Darüber habe ich vorher gar nicht so nachgedacht“, überlegt Eric Chaubert, „aber rückblickend ist es gewagt, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten und dem gerecht zu werden, was er sich über 45 Jahre aufgebaut hat.“

Das Erbe der Meister
Im Stadtmuseum Füssen ist eine der europaweit bedeutendsten Sammlungen historischer Lauten und Geigen zu sehen.

Das Fest der Saiten
Jedes Jahr im Spätsommer erwacht die Füssener Tradition beim Festival „vielsaitig“ zum Leben.

Das Geheimnis der Ringe
Das Holz für den Geigenbau stammt oft aus Bergwäldern. Dort wächst es langsam, weshalb der Abstand der Jahresringe des Holzes gering ist.

Mehr Informationen

Geigenbauwerkstatt Chaubert